Schach. Die Netflix-Serie „Damengambit“ über das Schachwunderkind Beth Harmon lockt seit Ende Oktober Millionen von Zuschauern vor die Bildschirme. Dort sitzen seit Beginn der Corona-Pandemie notgedrungen auch die Anhänger des königlichen Spiels, um ihrem Hobby nachzugehen. Internetplattformen wie Lichess oder chessbase erfreuen sich seitdem einem ungebrochenen Zulauf. In Wijk an Zee (Niederlande) fand im Januar eines der traditionsreichsten Turniere der Welt zwar endlich wieder am echten Brett statt, durch die Verlängerung des Lockdowns ist es jedoch ungewiss, wann auch die Amateurspieler wieder diese Möglichkeit haben.

Der Spielausschuss des Schachbezirks Hannover hat reagiert und die beiden noch ausstehenden Runden der abgebrochenen Spielzeit 2019/2020 neu terminiert. Statt wie ursprünglich geplant am 15. März und 19. April sind diese jetzt für den 9. Mai sowie 6. Juni angesetzt. „Wir liegen noch mehr in den Händen der Politik als im ersten Lockdown“, beschreibt Michael S. Langer, Präsident des Niedersächsischen Schachverbandes (NSV) die sehr unbefriedigende Situation. Von einer konkreten Vorstellung, wann und wie die Rückkehr in den gewohnten Spielbetrieb aussieht, sei man deshalb noch weit entfernt.

Manche Vereine haben sich der Herausforderung gestellt und ihre Angebote in die virtuelle Welt verlegt. Dennoch können es viele Spieler kaum erwarten, ihrem Gegner wieder ins Gesicht zu schauen und dessen Emotionen zu sehen. Bis Oktober schien eine Rückkehr in die Normalität möglich, in den beiden Spielklassen des NSV wurde die Saison 2019/2020 beendet. Für die Schachtiger Langenhagen mit sehr großem Erfolg: Die Mannschaft um Kapitän Michael Lehmann stieg aus der Verbands- in die Landesliga auf. Auch einige Turniere fanden statt. Horst Ehlert vom SV Laatzen und Uwe Serreck (SF Barsinghausen) waren in Wernigerode beim Cup der deutschen Einheit dabei. „Es war eine tolle Woche und hat viel Spaß gemacht“, sagt der Deisterstädter. Dank eines ausgefeilten Hygienekonzeptes war die Sicherheit der Spieler jederzeit gewährleistet. „Beim nächsten möglichen Turnier bin ich bestimmt dabei“, hatte Ehlert gesagt und gehofft, dass auch die Bezirksmeisterschaft stattfinden würde. Doch wenig später kam der zweite Lockdown und die Spiellokale waren wieder dicht. „Bedauerlich, zumal wir wahrscheinlich das schärfste Hygienekonzept im Schachbezirk Hannover haben“, schreibt Bodo Lieberum, Vorsitzender der Schachdrachen Isernhagen, auf der Internetseite des Vereins.

Der TuS Wunstorf und der SK Neustadt reagierten und lassen ihre Vereinsabende erneut online stattfinden. Wechselnde Turnier- und Trainingsangebote locken eine ordentliche Zahl an Spielern vor die heimischen Rechner. Der Deutsche Schachbund startete Mitte Januar die 2. Auflage der Deutschen Schach-Online-Liga (DSOL). Waren bei der Premiere im Sommer 2020 noch 246 Teams dabei, so sind es diesmal 385, die in 13 Ligen um die Punkte kämpfen.

Vor allem der Mannschaftscharakter macht den Reiz der Veranstaltung aus. Bei den herkömmlichen Onlineturnieren spielt jeder für sich, bei der DSOL entsteht indes ein Gemeinschaftsgefühl. Vielleicht haben vom SK Lehrte auch deshalb diesmal drei Mannschaften gemeldet. „Vereinsleben ist mehr als Internet“, betont Vorsitzender Jan Salzmann. Onlineschach habe eine wachsende Bedeutung, Lehrtes Klubchef sieht das jedoch eher als „ergänzendes Angebot“. Bestimmt werde es absehbar viele ältere Menschen geben, die nicht mehr mobil sind und deshalb möglicherweise auch in Heimen vor dem Rechner sitzen und Schach spielen.

Für Kinder und Jugendliche sei dies dauerhaft aber keine ernsthafte Alternative. Salzmann denkt auch an sozial schwache Familien, die nicht über die nötige Technik verfügen. Er warnt: „Wir müssen aufpassen, dass wir bestimmte Gruppen nicht vom Schach ausschließen.“ Nachdem der Deutsche Schachbund laut Statistik trotz des Onlinebooms am Jahresende einen deutlichen Mitgliederrückgang beklagen musste, geht es darum, neue Interessierte für das organisierte Schach zu gewinnen.

„Die Vereine stehen vor der Herausforderung, den Mehrwert eines Vereins aufzuzeigen“, erklärte der NSV-Präsident jüngst im Interview gegenüber dem Schachblog Perlen vom Bodensee. „Das ist das Megathema, das wir in einem großen Bundesland wie Niedersachsen in der Fläche platzieren müssen“, so Langer weiter. Die Vereine gelte es dabei mit aller Kraft zu unterstützen. Entsprechende Angebote dazu werden in unregelmäßigen Abständen auf der Verbandshomepage nsv-online.de veröffentlicht.